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Ablage

Meine Frau und ich teilen uns einen Schreibtisch. Das war nicht immer so. Die Schreibtischfusionierung sei eine Schwachsinnsidee gewesen, sie komme gleich nach der gemeinsamen Steuererklärung, meint meine Frau. Meiner Ansicht nach liegt das nur daran, dass mein anspruchsvolles Ablagesystem ihre kognitiven Kapazitäten weit übersteigt. „Deine Ablage ist eine Katastrophe!“ schimpft sie achtzehn Mal am Tag, verdreht dabei theatralisch die Augen und zerstört, völlig überflüssigerweise, ihre Frisur. Ich hingegen achte peinlichst darauf, dass meine Schreibtischseite samt ausgeklügeltem Ablagemanagement nicht von ihren Sachen berührt wird. Meine Frau neigt zu völlig absurden Verhaltensweisen. Sie öffnet Briefe, und zwar sofort. Mehr noch, sie liest sie auch direkt. Und jetzt kommts, sie locht sie und heftet sie ohne Umwege in den richtigen Aktenordner, den sie wegen seiner sorgfältigen Beschriftung natürlich auf den ersten Blick findet.

Mein Ablagesystem ist mehrteilig. Teil 1 ist die Schreibtischoberfläche, auf der alle ungeöffneten Briefe ihren Platz finden. Zwei, drei Wochen später (ggf. früher, wenn ein Windstoß den Stapel umgepustet hat) kann es zur Brieföffnungsphase kommen. Allerdings nur wenn ich den Brieföffner gerade finden kann. Wenn nichts dazwischen kommt lese ich die Briefe auch gleich. Nun lege ich sie gewissenhaft in die linke obere Ablagefläche über dem Schreibtisch. Heißt ja schließlich Ablagefläche. Dann kann es gut und gern ein paar Monate oder vier Millimeter Staubschicht dauern, bis das nächste Ablagestadium eintritt. Es sei denn meine Frau funkt früher dazwischen: „Du, sag mal, hast du die Rechnung von der lindgrünen Klobürste irgendwo gesehen?“

„Ja, die ist in meiner Ablage!“ verkünde ich, denn anders als meine Frau mir zu suggierieren versucht weiß ich über den aktuellen Aufenthaltsort wichtiger Dokumente in der Regel Bescheid. „Da liegt sie gut! Hast du das Geld schon überwiesen?“
„Upsi … warte, ich machs gleich … Was essen wir eigentlich heute Abend? Ich geh schnell einkaufen!“

Sechs Tage später fällt mir die Klobürstenrechnung zufällig in die Hände. Doppelupsi. „Ähm, die sehen das bestimmt nicht so eng mit der Zahlungsfrist, oder?“ flöte ich beiläufig und versuche die plötzlich auftretenden Urgeräusche meiner Ehefrau zu ignorieren. Wenn meine Frau Rechnungen bezahlt schreibt sie handschriftlich das Datum darauf, bevor sie sie akurat in den entsprechenden Ordner … genau.

Zurück zu meiner Ablage. Nachdem ich die angestaubte Klobürstenrechnung bezahlt habe ist sie bereit für Ablageort Nr. 3: den roten Stehsammler mit den weißen Punkten. Bereits hier findet eine Differenzierung statt. Kontoauszüge zum Beispiel haben darin nichts zu suchen, sie gehören in den roten Stehsammler ohne weiße Punkte. Der Stehsammler kann dann gut und gerne mehrere Jahre als Behausung meiner Ablage dienen. Sollte er wegen Überbelegung irgendwann arg ausgebeult sein so wird kurzerhand angebaut. Korrekterweise muss daher mittlerweile von Stehsammlerstadt gesprochen werden. Erstbezug ca. 2008.

Für den nächsten Schritt müssen mehrere Faktoren zusammenkommen. Damit es sich lohnt, sollten vier bis sechs Jahre vergangen sein. Regenwetter hilft ebenso wie mehrere Urlaubstage am Stück, notfalls reicht aber auch ein langes Wochenende. Ein langes Wochenende, das meine Frau im Idealfall zufällig bei ihrer Cousine Heidelinde verbringt. Das ist extrem vorteilhaft für den Fortschritt der Ablage. Und für den Fortbestand der Ehe auch.

Unter solchen Traumvoraussetzungen landen alle Dokumente aus allen Stehsammlern mit und ohne Punkten an der richtigen Stelle des dafür vorgesehenen Aktenordners. Fehlt eine der oben genannten Bedingungen kann es jedoch durchaus zu einem weiteren Zwischenschritt kommen. Wenn also beispielweise die Sonne scheint lege ich die Blätter erst einmal lose in den jeweiligen Ordner. Weil ich dann schwimmen gehen muss. Logisch.

Zurück aus dem Kurzurlaub bei Cousine Rosamarie, oder wie auch immer sie heißt, wird meine Frau bereits liebevoll an der Türschwelle empfangen:

„Gut, dass du da bist. Ich hab da in meiner Ablage was Komisches gefunden, schau mal … Kannst du da vielleicht mal anrufen?“

 

Dinos auf dem Mars

„Hast du den Dosenöffner gesehen?“

„Wir haben einen Dosenöffner?“

„Hast du ihn gesehen?“

„Wozu brauchst du denn einen Dosenöffner?“

„Wo ist das Teil?“

„Kein Mensch braucht doch heutzutage noch einen Dosenöffner!“

„Der war doch immer in der rechten mittleren Schublade da …“

„Wir essen doch nie was aus Dosen!“

„Wo ist der Dosenöffner?“

„Warte … auf dem Mars vielleicht?“

‚Der Mars‘ ist meine persönliche geistige Fehlleistung. Genauer gesagt die Annahme, dass bereits Menschen zum Mars geflogen seien. Was heißt Annahme? Ich war davon überzeugt, dass schon Menschen auf dem Mars waren! So überzeugt, dass ich lautstark „Wollen wir wetten, wollen wir wetten?“ brüllte und dabei mit siegesgewisser Miene um meine Frau herumhüpfte. Sie wollte. Und ich werde bis zu meinem bitteren Ende dem Sushimann im Schnuffellook die Tür aufmachen. Den ich vorher auch noch angerufen habe. Ich! Irgendwo anrufen! Es ist ein tragisches Schicksal.

Immerhin hat sich auch meine Frau als geistige Tiefstaplerin verewigt. Wer mit marsianischen Waffen kämpft, darf sich über das Dinosaurier-Echo nicht wundern!

„Meinst du, dass es damals Dinosaurierstrände gab? Damit die Menschen ihre lieben Tierchen mit in den Urlaub nehmen konnten?“ frage ich unschuldig, ohne von meiner Zeitung aufzusehen.

„W…was? Ach so. Ha Ha!“ antwortet meine Frau humorbefreit.

„Ich wäre ja mit meinem kleinen Megalosaurus immer zum Mutter-Dinosaurier-Turnen gegangen. Um seine motorische und soziale Entwicklung zu fördern, weißt du?“

Meine Frau brummt nur.

„Stell dir vor, die waren mit ihren süßen Viechern bestimmt auch oft in so nem Lifestyle-Café und haben gemeinsam grüne Smoothies geschlürft. Oder bei der Fußpflege!“

„Oder auf einer Mars-Expedition“ bemerkt meine Frau, die in ihrem geistigen Tiefflug kurzzeitig Menschen und Dinosaurier gleichzeitig auf der Erde verortete.

„Ja, möglich. Und während ihrer Mars-Expedition schliefen sie gemeinsam in ihrem Survivalzelt, frittierten Schokoriegel und spielten Uno.“

„Bis der Sushimann am Zelt klopfte.“

„Und nach dem Dosenöffner fragte …“

„Ja.“

So muss es gewesen sein.

 

Nacht und Nase

„Ohhhhhhhhh! … Oh, ist das süß!“

„Grml!“

„Du fragst dich vielleicht, welch Umstand ursächlich für meinen Gefühlsausbruch ist …“

„Nein.“

„Deine wunderbare Nase leuchtet im Mondlicht! Wie romantisch!“

„Es ist … warte. Verdammt, wo ist meine Brille? Es ist … 2:34 Uhr.“

„Das Mondlicht bricht sich auf deinem formschön geschwungenen Nasenrücken. Entzückend.“

„Ich breche auch gleich.“

„Na, na, na. Du hast aber auch eine imposante Nase! Das ist mir noch nie so aufgefallen.“

„Gute Nacht.“

„Im Ernst. Sag mal, ist die etwa gewachsen? Nase und Ohren wachsen nämlich ein Lebe..“

„Ja, ja. Und die Verdauung beginnt im Mund, ich weiß! Schlaf jetzt! Oder schreib nen Artikel über lebenslanges Ohrenwachstum. Meditiere im Mondschein. Es ist mir egal, was du machst. Hauptsache, du tust es schweigend.“

„Du, mir ist aufgefallen, dass du etwas gereizt bist in letzter Zeit. Ist alles in Ordnung mit dir?“

„Ignore!“

„Mhm. Ich hol mir mal was zu trinken. Ganz nonverbal. Magst du auch was?“

„…“

„Ich bräuchte so einen kleinen Minikühlschrank neben dem Bett. Ich trinke nämlich nachts sehr gerne eiskaltes Wasser. Dann müsste ich nicht in die Küche latschen, sondern könnte einfach sagen, ach, jetzt wäre ein Schlückchen angenehm kühles Wasser nett und schwups, Minikühlschranktür auf, könnte ich, ohne mich aus dem Bett begeben zu müssen …“

„Es ist ja nicht so, dass deine Laberflashs nicht schon zwischen 9 und 21 Uhr eine Zumutung wären, aber … äh, wo ist die verdammte Brille …“

„… auf deinem herrlichen iluminierten Nasenrücken, Schatz …“

„… 2.56 Uhr … ist tödlich.“

„Waaas, schon fast drei Uhr! Erstaunlich, wo ist die Zeit geblieben? Los, schlafen wir. Sonst kommen wir morgen früh nicht aus den Federn. Gute Nacht!“

Milchmädchenrechnung

„Die Milch ist alle!“

„Welches Ohr?“

„Warte, magst du vielleicht mal raten?“

„Du weißt doch, ich hör so schlecht. Vor allem um mein Appellohr steht es zur Zeit äußerst schlecht“, seufze ich. „Im Übrigen ist die Milch natürlich nicht alle, da ist noch was drin!“

Jedes Mal die gleiche Diskussion. Meine Frau beschwert sich, ich würde angeblich leere Behältnisse zurück in den Kühlschrank stellen. Wir haben allerdings sehr unterschiedliche Vorstellungen von leer. Daraus lassen sich selbstverständlich keine Rückschlüsse auf die Qualität unserer Beziehung ableiten. Das ist normal, Konstruktivismus heißt das.

Der innere Monolog meiner Frau geht so: „Mensch, die Milch ist fast alle! Das lohnt sich nicht mehr aufzuheben. Ich schütte mal den Rest in Pattys Kaffee!“

Damit nimmt das Unheil seinen Lauf! Denn die zusätzlichen 0,3 Milliliter Milch verändern unser allmorgendliches Kaffeeritual signifikant. Derartige Manipulationen der Rezeptur meines Kaffees verfälschen dessen Genuss auf fatale Weise. 0,3 Milliliter sind hierbei natürlich nicht egal! Ganz schlechter Start in den Tag.

Mein innerer Monolog geht so: „Ui, aus dem Senfglas bekommt man bestimmt noch einen Viertel-Espressolöffel voll raus. Also ab damit in den Kühlschrank.“

Es dauert keine halbe Stunde und ich habe ein Senfglas im Auge und eine Stimme im Ohr, (in welchem ist an dieser Stelle nicht relevant): „Nicht dein Ernst, oder? Du hast schon wieder ein leeres Glas in den Kühlschrank gestellt!“

Meine Frau glaubt, ich würde mich dadurch vor der Entsorgung des vermeintlich leeren Senfglases drücken wollen. Pff. Wie lächerlich. Es ist doch nicht leer, also besteht kein Anlass zur Entsorgung. Entsorgung ist eh ein gutes Stichwort. Sie hält das Müll-raus-bringen nach wie vor für eine in sich geschlossene Handlung. Was für eine Verschwendung von Ressourcen. Und das, wo die doch so wichtig im Leben sind.

„Du schleichst schon wieder durch die Küche und glaubst, ich merke das nicht!“, kräht meine Frau, nachdem das Abendessen zu Ende ist. „Deine Strategie ist sowas von durchschaubar. Anstatt aufzuräumen schleichst du geschäftig herum, tust aber rein gar nichts und wartest bis ich fertig bin.“

Verdammt. Ich muss professioneller werden. „Öhm, ich habe durchaus etwas getan! Ich hab die Kaffeemaschine eingeschaltet! Weil ich uns noch einen Espresso machen wollte, weißt du? Ganz ohne Milch und Konfliktpotenzial, ist das nicht toll? Hier, schon mal ein Stück Schokolade für dich!“

„Immer steckst du mir Schokolade in den Mund und denkst, damit ist alles … hmpf … na gut.“

Es ist ja nicht so, als hätte meine Frau bei der Verteilung der Vermeidungstaktiken gefehlt. Im Gegenteil. Sie hatte noch zwei Klappkörbe dabei.

„Hast du nicht heute gesaugt?“ frage ich.

„Ja, wieso?“

„Äh, im Arbeitszimmer wohnt eine Wollmauskommune, was sag ich, eine Wollwalrosskommune!“

„Waaas? Unverschämtheit. Das kann nicht sein!“

„Vielleicht hast du ja mal wieder aus Versehen ein Zimmer vergessen zu saugen, hm?“

„Niemal… Warte. Das Arbeitszimmer, sagst du? Oh, tatsächlich. Das hab ich irgendwie vergessen. Oh je!“

„Grmpf“

„Wir haben doch nichts gegen Wollwalrösser. Wir sind doch ein toleranter Haushalt! Insbesondere du solltest deinen Artgenossinnen gegenüber nicht so garstig sein! Übrigens, da fällt mir ein, wir könnten doch mal wieder in den Zoo gehen.“

„Oh ja, dann können wir auch den Müll mit runter nehmen.“

 

Am Fuße der Zahnbürste

„Ich hätt da mal ein Anliegen. Schulz von Thun, Kommunikation, Watzlawick, Bla bla. Nachbar und Bohrmaschine. Kennst du ja.“

„Es war ein Hammer. Was willst du?“

„Bitte?

„Na, Watzlawick. Es war ein Hammer, keine Bohrmaschine.“

„Ja? Egal. Also, unsere Zahnbürste …“

Meine Frau und ich teilen uns nämlich eine Zahnbürste. Allerdings glücklicherweise nur das Untenrum …

Meine Frau wittert eine Story: „Haha, mit sieben hab ich mal bei meiner Freundin Jasmin-Beate übernachtet …“

„Ja, und die hatte ein Handtuch für Obenrum und eines für Untenrum. Ich weiß.“

„Genau! Woher weißt du das?“

„Hast du nur so vierzehn Mal erzählt. Also, im letzten halben Jahr.“

„Oh.“

„Was ich sagen wollte: Ich wäre dir sehr verbunden, also es wäre wirklich schön, auch damit es nicht zum Hammer-Eklat kommt, wenn es möglich wäre …“

„Sprichst du gerade Giraffensprache? Wie süß!“

„Jedes Mal, wenn du dir vor mir die Zähne geputzt hast, macht es SCHLOTZ, wenn ich die Zahnbürste hochhebe und das ist echt widerlich.“

„Es macht wie?“

„SCHLOTZ! Oder SCHLUPP! Oder TSCHOCK! Wie auch immer. Es ist ekelhaft!“

„Ich weiß nicht, was du meinst. Stück Schokolade?“

„Jetzt lenk nicht ab. Was ist so schwer daran, die Zahnbürste trocken zu machen?“

„Ich trockne die Zahnbürste stets sehr gewissenhaft und sorgfältig ab!“

„Aber das Untenrum scheinbar nicht! Also, das allerunterste Untenrum! Sonst würde es doch nicht SCHLOTZ machen!“

„Mhm“, macht meine Frau und schaut unbeeindruckt aus dem Fenster. „Hast du gesehen, dass Gitti jetzt so Neonstimmungsvögel auf dem Balkon hat?“

„Nee, aber hast du gesehen, dass meine Erzählerbse gerade explodiert ist?“

„Du hast ne Erzählerbse? Cool!“

„Jedenfalls. Trockne einfach die Zahnbürste ab!“

„Okay. Auch Obenrum?“

„Obenrum ist mir vollkommen wurst. Ist ja dein eigenes.“

„Ja. Mein eigenes blaues Obenrum.“

„Äh. Nein? Deines ist grün! Schon immer ist deines grün! G-R-Ü-N-! Nicht blau! Blau ist meins! Definitiv!“

„Oh.“

„Und damit du es weißt. Das SCHLOTZige Untenrum wische ich immer an deinem Handtuch ab!“

„An dem gelben?“

„Wie jetzt, gelb?“

Kinderüberraschung

Vor Kindern hab ich ja immer ein bisschen Angst.

Eines hat mir einmal einen Apfel weggegessen. Einen Apfel, der nichts Böses ahnend auf dem Tisch in meinem Büro lag. Das Kind hat ihn aufgegessen, während ich versuchte, mit ihm und seiner Mutter ein Beratungsgespräch zu führen. Genauer gesagt hat das Kind meinen für die Pause vorgesehenen Privatapfel mit seinen dreckigen Patschepfoten angefasst. Die Mutter sagte daraufhin nicht etwa „Lass das, der gehört der Tante da!“ oder „Bist du bescheuert, wir essen doch nur fair gehandelte Gummibärchen!“ oder „Wir nehmen nichts von Fremden, auch nicht, wenn sie wertschätzend daher reden!“ oder „Nicht, Hasenputzi, du weißt doch, deine Fructoseintoleranz!“

Nein. „Magst du den essen?“ fragte sie ihr Kleingemüse – oder soll man besser Kleinunkraut sagen? Da war es allerdings eh schon zu spät und mein Apfel mit Kinderspeichel benetzt. Und das, wo doch Essen stets eine wichtige Angelegenheit für mich ist.

Ich kann wahrlich unter erschwerten Bedingungen arbeiten. Meine ganze Berufswahl besteht schließlich aus erschwerten Bedingungen. Ich habe schon souverän Gespräche mit nackten Müttern oder Teenies in Handschellen und unter Polizeibegleitung geführt. Also – die Handschellen und die Polizeibegleitung befanden sich am Teenie, nicht an mir. Teenies finde ich auch längst nicht so schlimm wie Kinder. Gut, man muss anschließend gründlich durchlüften, aber daran gewöhnt man sich. Bei Kindern weiß ich immer nicht, was ich mit ihnen reden soll. Was etwas unglücklich ist, wenn man für die Gesprächsführung bezahlt wird.

Außerdem kotzen die immer so unvermittelt. Schon zwei Mal hat mir eines ins Büro gekotzt, einmal immerhin in den Mülleimer. Und beide Male weit und breit keine erziehungsberechtigte Person in Sicht, die sich meines Mülleimers – und meiner psychischen Verfassung – hätte annehmen können. Ich gebe mein Bestes, solche Erlebnisse möglichst nicht als nonverbale Kritik an meiner beruflichen Kompetenz aufzufassen.

Doch wer glaubt, ich würde wenigstens privat weitgehend von infantilen Begegnungen verschont bleiben, der irrt. Neulich hüpfte mir plötzlich so ein Grundschüler vor die Füße. Grundschüler deshalb, weil er schon des Lesens meines imaginären Stirnschildes mächtig war. An jenem Tag stand da wahrscheinlich „Hey Kinder, ich freue mich tierisch, wenn ihr mich voll labert!“ Der Junge, immerhin bemüht um Respekt vor meinem fortgeschrittenen Alter, legte überhöflich los: „Guten Tag, darf ich fragen, wo es hingehen soll?“

Panisch kramte ich in meinem Kopf nach dem ekligsten, kinderunfreundlichsten und furchterregendsten Ort, den ich dem Burschen hätte präsentieren können. Ich hätte auch einfach sagen können „I don’t understand kindisch“, aber auf geniale Ideen kommt man ja immer erst hinterher. So fiel mir nichts Blöderes als die Wahrheit ein, woraufhin das Kind theatralisch rief: „Ach, was für ein Zufall, ich wollte auch gerade zum Bäcker!“, was so hundertprozentig gelogen war wie die Annahme, dass alle Sozpäds Kinder toll finden. Ich hätte doch Schlachthaus, Knast oder Museum sagen sollen, ich Depp.

„Da wir den selben Weg haben, würde ich Sie sehr gern ein Stück begleiten!“
Bitte, welches Kind, das klar bei Verstand ist, redet so? Dieses Exemplar wurde mir immer unheimlicher und ich dachte verzweifelt über eine Strategie nach es loszuwerden, während es im Hopserlauf ungefragt meine Komfortzone überschritt. Überhopste. Dabei starrte es mich unentwegt an. Ich mag es schon nicht, von Volljährigen angestarrt zu werden, aber bei Kindern bekomme ich immer nervösen Juckreiz. Ein hopsendes, starrendes Kind, das wie Kaugummi an mir klebte. Bestimmt hatte es auch Kaugummi im Mund, den es mir in einem unbeobachteten Moment auf hinterhältige Weise in die Haare schmieren würde. Und das alles in meiner Freizeit. Sprich, ich wurde nicht mal dafür bezahlt.

„Och du, ich äh …“

„Ich habe Dreieurofünfundachtzig und kaufe mir Gummischlangen und ein Rosinenbrötchen!“

„Wusstest du, dass in Gummischlangen Kaninchenblut drin ist?“

„Waaas? Ehrlich???“

„Nein. Aber, was anderes, mit den Rosinenbrötchen musst du aufpassen! Ich hab gehört, dass Kinder davon so fiesen Ausschlag auf der Nase kriegen können.“

„Echt? Ich liebe Rosinenbrötchen!“

„Oh, oh“, wiege ich sorgenvoll den Kopf hin und her. „Das liegt am Rosenkohl! Kinder vertragen den nicht so gut.“

„Rosenkohl? Wieso Rosenkohl? Ich hasse Rosenkohl!“

„Wusstest du nicht, dass in Rosinen voll viel Rosenkohl drin ist? Und Spinat und, äh … Vitamine.“

„Spinat liebe ich!“

Mist.

Die Erlösung kam auf einem Tretroller angerollt, welch Ironie des Schicksals, in Person eines anderen Kindes.

„Das ist mein Freund“, verkündete mein unfreiwilliges Eskortenkind, „hier trennen sich unsere Wege. Auf Wiedersehen!“

Küsschenkrankheit gegen Rechts

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„Die Küsschenkrankheit???“ quiekt Chantal und kichert. „Sie verarschen mich, oder?“

Der Kinderarzt kämpft ein bisschen gegen das Grinsen in seinem Gesicht an, während er Chantal erklärt, was sie jetzt beachten muss.

„Kein Küssen???“ Chantal ist entsetzt, „auch nicht ohne Zunge?“

Der Arzt hat seine seriöse Miene wieder erlangt, schüttelt ernst den Kopf und verabschiedet sich.

„Ich hab die Küsschenkrankheit!“ ruft sie Dahiba zu, die das Spektakel im Nachbarbett mit interessierter Miene beobachtet hat. Mit dem Wort kann sie zwar nicht viel anfangen, doch Chantals Luftküsse sind unmissverständlich. „Kuss cken Krank ha it?“, lacht sie.

„Scheiße, als der Steve gestern Abend hier war haben wir doch die ganze Zeit geknutscht!“

Dahiba guckt unsicher.

„Meinst du, der hat jetzt auch die Küsschenkrankheit?“

Diesmal zuckt Dahiba entschuldigend mit den Achseln. Beide Mädchen stecken sich ihre Kopfhörer in die Ohren und wenden sich voneinander ab.

„Wir haben die Küsschenkrankheit! Du musst sofort zum Arzt! Ja, wirklich! Nein, ohne Scheiß!“ Chantal setzt Steve telefonisch über seine neueste Errungenschaft in Kenntnis. Nicht ohne ein bisschen Stolz in der Stimme.

„Komm, wir gehn eine rauchen!“ verkündet Chantal entschlossen und zieht ihrer Bettnachbarin die Bettdecke weg.Nur wenige Minuten später schleichen Chantal und Dahiba im Schlepptau einer Krankenschwester zurück ins Zimmer. Mit Unschuldsmiene natürlich.

„Du hast dich ja seit gestern noch gar nicht umgezogen!“ bemerkt die Schwester und versucht ihren Worten erklärende Gesten hinzuzufügen. Dahiba schüttelt den Kopf. „Hast du denn was dabei?“ Wieder Kopfschütteln.

„Alter! Warum sagst du denn nix?“ ruft Chantal, während sie schon dabei ist, sich ihre Jogginghose auszuziehen. „Hier, die passt dir bestimmt!“

Sie passt. Dahiba und Chantal grinsen sich an.

Visite. „Sie ist seit drei Monaten in Deutschland. Sie lebt in der Erstaufnahmeeinrichtung. Mit den Eltern wurde gestern in einem Dolmetschergespräch vereinbart, dass wir sie anrufen und ‚Krankenhaus‘ sagen, wenn Dahiba entlassen wird. Dann kommen sie.“

Chantal telefoniert mit ihrer Betreuerin aus der Wohngruppe: „Ja, Melli? Kannst du mich abholen? Ich darf nach Hause … Ja … Und, Melli? Ich hab die Küsschenkrankheit! Nein, ehrlich! Du kannst den Arzt fragen!“

„Weißt du“, erklärt Chantal und hüpft dabei um Dahibas Bett herum, „jetzt hab ich mich seit drei Jahren mal wieder auf einen Jungen eingelassen. Und dann krieg ich gleich die Küsschenkrankheit!“

Plötzlich bleibt sie stehen.„Verdammt! Wir haben uns doch gestern eine Kippe geteilt!“ Dahiba, die zu verstehen scheint, starrt Chantal an.

„Ich haben Kuss cken Krank ha it?“ fragt sie den Arzt leise.

(Hat sie nicht.)

Chantals Betreuerin ist angekommen und fordert sie zum Aufbruch auf.

Chantal geht auf Dahiba zu, umarmt sie, sagt: „Schreib mir nachher!“

„Und die Hose, die behältst du!“

Chantal hats kapiert.

Dies ist ein Beitrag zu Annas Blogparade Schreiben gegen Rechts